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STUDIE "GEWALT AN SCHULEN" |
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Gewalt an Schulen
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Beobachtungen und Analysen aus der Sicht einer Gemeindepfarrerin. Eine Untersuchung aus dem Bereich des Religionspädagogischen Amtes Gießen
Unter diesem Titel hat Frau Pfr. Christel Arens-Reul aus Linden eine Studie verfasst.
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Zu Ihrer Motivation...
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schreibt Frau Arens-Reul:
Wie kommt man Mitarbeiter als Gemeindepfarrerin dazu, "Gewalt an Schulen" zum Thema eines Studienobjektes zu machen? Welche Motivation steckt dahinter? Welche Erfahrungen und Ausgangspunkte? Nicht erst mit dem Ausrufen der "Dekade gegen die Gewalt" seitens der EKD beginnt die Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt. Im Alltag einer Gemeinde wird man/frau immer wieder mit den unterschiedlichsten Formen von Gewalt konfrontiert. So unterschiedlich die Gewalt ist, so verschieden sind auch die Ursachen, Hintergründe, als auch die Auswirkungen von Gewalt im Lebensumfeld der Menschen. Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche, alte und junge Menschen sind in den unterschiedlichsten Situationen von "Gewalt im Alltag" betroffen.
In der Seelsorge aber auch in der Katechumene sind Pfarrer/innen gefordert die Lebensgeschichten und Lebenserfahrungen zu hören. Manchmal geradezu ohnmächtig und sprachlos. Gewalt im Alltagsleben von Kindern- und Jugendlichen hat dabei einen immer größer werdenden Anteil. Mit der Enttabuisierung von sexualisierter Gewalt werden Menschen sprachfähig und bereit eigene Erfahrungen zu thematisieren. Organisationen wie Wildwasser, Kinderschutzbund, Frauenhäuser u.a. stehen den Opfern zur Seite und machen Mut über Trauma-Erlebnisse zu sprechen und Maßnahmen gegen die Gewalt zu finden. Nachdem in den 90er Jahren die ersten Veröffentlichungen bezüglich der Gewalt an Schulen getätigt waren, begannen auch die Fassaden an den Schulen zu bröckeln. Mit einem großen Erschrecken reagierte die Öffentlichkeit, Medien machten die Gewalt an Schulen zum Thema verbunden mit Fragestellungen: Was ist los mit der Jugend? Damit begann auch die Enttabuisierung der Gewalt auf der Schulebene. Erfahrungsberichte und Erhebungen machten das Ausmaß und die Betroffenheit von Schülern deutlich. Auf der anderen Seite geisterte (und geistert noch) die Angst vor dem "schlechten Ruf" in den Köpfen vieler Verantwortlicher im Schulbereich. Die zunehmenden Diskussionen im öffentlichen Bereich machen auch vor der "Gemeindetüre" nicht halt. Eltern fragen nach Perspektiven für ihre Kinder: Auf welche Schule kann ich mein Kind überhaupt noch schicken? Wo ist mein Sohn/meine Tochter sicher? Wo gibt es Schutz vor den negativen Einflüssen, denen mein Kind an Schulen ausgesetzt ist? Sind christliche Schulen die Alternative? Jugendliche im Konfirmanden- oder Jugendtreff artikulieren ihre Ängste und berichten über Gewaltsituationen.
Einige Beispiele: "Als XX auf dem Nachhauseweg von einer Clique zusammengeschlagen wurde, sind wir weggelaufen." Frage der Pfarrerin: "Warum habt ihr nicht geholfen?" Das Opfer:" Ich hätte an deren Stelle auch nicht geholfen, dann wäre ich selber auch dran gewesen. Besser ist immer abhauen." Frage der Pfarrerin: "Was macht ihr dann? Habt ihr in der Schule Ansprechpartner, denen ihr davon erzählt, damit die Täter bestraft werden?" Jugendliche (reagieren amüsiert): " Wenn man die anschwärzt, dann geht`s erst richtig los. Dann bist du nirgendwo mehr sicher. Die lauern dir dann am Nachmittag auf."
Ein 16 -jähriger jugendlicher Mitarbeiter eilt einem Mitschüler zur Hilfe, der von mehreren Jugendlichen geschubst, beschimpft und geschlagen wird. Er selber wird dadurch zum Angriffsziel der "Täter". Er wird geschlagen und am Boden liegend noch getreten. Ein Lehrer wird zur Hilfe geholt. Am Unterricht kann der 16 jährige nicht mehr teilnehmen, ärztliche Versorgung ist notwendig. Die Eltern sind empört und erstatten eine Anzeige gegen die "Täter".
Polizeiliche Ermittlungen werden eingeleitet. Nach Monaten wird das Verfahren eingestellt, da sich keine Schüler mehr finden, die bereit sind als Zeugen auszusagen. Solche und andere Schilderungen aus den eigenen Erfahrungen mit Gewalt machen die Hilf- und Sprachlosigkeit Jugendlicher und ihrer Eltern deutlich. Eine Mutter berichtet über die Erfahrungen ihres 11 jährigen Sohnes. Nachdem er an der Bushaltestelle Drogengeschäfte unter den Schülern mitbekommt und davon erzählt reagieren die Eltern mit dem Gang zur Schulleitung. Der Schüler "packt aus", die Polizei wird eingeschaltet. Die minderjährigen "Täter" werden zur Rede gestellt. Ein polizeiliches Verfahren wird eingeleitet. Der 11 jährige Schüler kann fortan nicht mehr mit dem Bus zur Schule fahren, auf dem Schulhof wird er von den "Tätern" verfolgt und bedroht. Dem Höhepunkt der Repressalien, einer Verfolgungsjagd durch den gesamten Ort durch die Täter, folgt der Schulwechsel des 11jährigen Schülers.
Die aufgeregten Grundschüler der Religionsklasse erzählen von den Ereignissen auf dem Schulhof. Ein Schüler der Klasse hatte versucht einen Mitschüler an einem Seil aufzuhängen. Andere Schüler machten sich zunächst einen Spaß daraus, standen dann hilflos daneben. Die Pausenaufsicht, durch das Schreien der Kinder aufmerksam geworden machte dem Ganzen ein Ende. Die roten Striemen um den Hals des "Opfers" blieben. Polizei und Jugendamt wurden eingeschaltet. Drei Jahre später betonen die Eltern von "Opfer" und "Täter" bei der Anmeldung zum Konfirmandenunterricht, dass beide Kinder auf keinen Fall in eine Konfirmandengruppe kommen dürfen.
Mütter und Väter fragen nach Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskursen für ihre Kinder. "Können sie in der Gemeinde nicht so etwas organisieren?" Kinder sollen befähigt werden einem möglichen Täter selbstbewußt und verteidigend entgegenzutreten und so mögliche Gewaltprävention zu bewirken. Dahinter steht die Angst der Eltern vor zunehmender Gewalt in der Gesellschaft und damit auch im Lebensumfeld ihrer Kinder.
"Gewalt überwinden - Frieden schaffen" - unter diesem Leitthema ruft der ökumenische Rat der Kirchen zur neuen Dekade auf. Im Februar 2001 sollen auf einer Sitzung des Zentralausschusses in Potsdam die inhaltlichen Grundzüge und Herausforderungen an die Kirchen benannt werden. Die Kirchen und Gemeinden werden Anregungen und Konkretionen brauchen, um der Ausgestaltung der Dekade in den Gemeinden Inhalte zu geben. Dabei wird die Sensibilisierung für unterschiedliche Gewaltformen und Gewalterfahrungen eine zentrale Voraussetzung für eine konstruktive Auseinandersetzung mit Gewalt und mit Fragen zur Überwindung der Gewalt sein.
"Nur wer sich um Klärungen über eigene Gewaltpotentiale und -erfahrungen bemüht und auch die eigene Haltung zu Gewaltanwendungen außerhalb des persönlichen Nahbereichs überdenkt, kann sich glaubwürdig für die Überwindung von Gewalt einsetzen. Dies setzt aber die Bereitschaft und die Fähigkeit voraus, sich mit einem brisanten, in den persönlichen Bereich eindringenden Thema zu beschäftigen..... Zur Sensibilisierung gehört die Selbstvergewisserung: Wie stehe ich zur Gewalt? Wo erlebe ich Gewalt? Wie begegne ich Gewalt? Wie stehe ich zur Gewalt in internationalen Konflikten? Unter welchen Bedingungen lehne ich Gewalt ab, wann legitimiere ich Gewaltanwendung? Und welche Folgen ergeben sich daraus? Jugendlich z. B. nehmen ihre eigenen Gewaltanwendungen häufig als legitime Gegengewalt wahr und fühlen sich darin bestärkt, wenn auch in der internationalen Politik "Gegengewalt" moralisch legitimiert wird." (s.Lit.1 Erfahrungen und Perspektiven im Umgang mit Gewalt, Vortrag zur Dekade "Gewalt überwinden" des ÖRK, Uli Jäger, Verein f. Friedenspädagogik, Tübingen/Bad Boll, Januar 2000)
Eine wichtige Aufgabe wird darin bestehen Themen der Gewalt zu enttabuisieren. Wer Gewalt thematisiert stößt automatisch auch auf Widerstände in der Gesellschaft. Wilfried Schubarth hat bezüglich der Gewalt an Schulen in einem Interview der Frankfurter Rundschau gesagt: "Man hat nach der Gewaltdebatte in den neunziger Jahren geglaubt, dass man da schon weiter ist, aber jetzt zeigt sich doch, dass das Thema Gewalt nach wie vor tabuisiert wird, möglicherweise stärker an Gymnasien als an anderen Schulen." (s. o). Erst da wo die Schale aufbricht und Menschen sich nicht scheuen wahrzunehmen und aufzudecken, zu enttabuisieren, können Gegenmaßnahmen gesucht und gefunden werden, kann es vielleicht auch gelingen Gewalt zu überwinden. Die folgenden Zusammenfassungen und Gedanken zum Thema "Gewalt an Schulen" mögen dazu in diesem kleinen Lebensbereich einen Beitrag leisten.
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