Kirchliches Schulamt in Gießen

Konfessioneller Religionsunterricht

Aus gutem Grund – für den evangelischen Religionsunterricht 

Eine Standortbestimmung von Karl-Heinz Lerch

Wozu brauchen evangelische Schülerinnen und Schüler noch einen evangelischen Religionsunterricht, wenn doch heute viele ohne jede religiöse Vorerfahrung und Sozialisation in die Schule kommen?

Wäre da nicht ein gemeinsamer christlicher Unterricht angemessener, der von allen Kirchen mitverantwortet wird und der die gemeinsamen Grundlagen unserer Religion vermittelt?

Müsste nicht der Religionsunterricht wie das alltägliche Leben als Begegnung und Dialog mit anderen Kulturen und Religionen gestaltet werden, damit die Schülerinnen und Schüler lernen, in der Vielfalt ihren eigenen Standpunkt zu finden und in Toleranz und Respekt mit anderen zu leben?

Diese Fragen stellen sich in einer veränderten gesellschaftlichen Situation und beschreiben sehr wichtige und wesentliche Lernausgangssituationen und Entwicklungsbedarfe für den Religionsunterricht.

Gerade deshalb brauchen Schülerinnen und Schüler im Unterricht die Begegnung und Erfahrung einer konkreten, eindeutigen und erlebbaren Gestalt der christlichen Religion, um überhaupt einen eigenen Zugang und eine Beziehung zu den Inhalten zu erschließen, die für sie Relevanz haben und sie dazu befähigen, Menschen mit anderen religiösen Traditionen zu begegnen und sie zu verstehen.

Nur durch den eigenen Zugang zu einer konkreten Gestalt des biblisch-christlichen Glaubens können eine Identifikation und eine Partizipation erschlossen werden, die Begegnung und Verständigung mit anderen Konfessionen und Religionen ermöglichen.

Im evangelischen Religionsunterricht wird das Christentum als Religion nicht nur historisch und phänomenologisch zur Kenntnis genommen, sondern erlebbar als Gestalt christlichen Glaubens. „Das, wovon die Rede ist“, geschieht und ereignet sich, wird wirksam im Unterricht. Schüler und Lehrkräfte können der Wirklichkeit Gottes begegnen und Anteil nehmen an dem schöpferischen und befreienden Wirken des Heiligen Geistes, das sie berühren kann und doch unverfügbar bleibt. Durch das Kennenlernen, Anteilnehmen und Aneignen von Gestaltungsformen, Ritualen, Festen, Gebeten und Gottesdiensten des evangelischen Glaubens können Zugänge und Gestalten einer evangelischen Spiritualität erlebt und partizipatorisch eingeübt werden, um die eigene Religiosität und den eigenen Glauben auszudrücken und mit Anderen zu feiern.

In vielen Situationen ihres Lebens sind Kinder und Jugendliche in ihrem Glauben gefragt, in Frage gestellt und herausgefordert. Um auf die Fragen und Anforderungen dieser Situationen aus ihrem Glauben heraus zu antworten, um in Auseinandersetzung zu treten und einen eigenen Standpunkt zu finden, brauchen sie die Möglichkeit und die Fähigkeit, konkret, situationsbezogen, reflektiert und authentisch das, worauf sie sich verlassen, wovon sie sich leiten und führen lassen, woran sie sich halten und orientieren, auszudrücken, zu kommunizieren, verstehbar und begründet zu vertreten. Dabei treten sie in einen Dialog mit anderen, auch anders Denkenden und Glaubenden, und bringen ihre „Überzeugung“ und deren Wurzeln bezogen auf eine konkrete Situation und Anforderung zum Ausdruck und zur Sprache.

Eine solche Befähigung, die ich konfessorische Kompetenz nennen möchte, können Kinder nur in einem Religionsunterricht erwerben, erproben und entwickeln, der in seiner Bekenntnisorientierung wahrnehmbar, gestaltet und reflektiert wird. Darin spielt die bewusste und didaktisch reflektierte Konfession der Religionslehrkraft eine wesentliche Rolle.

In einer multireligiösen und multikulturellen gesellschaftlichen Situation brauchen Kinder in der Begegnung und im Zusammenleben mit Menschen konfessioneller Verschiedenheit und mit Menschen anderer Religionen eine Kenntnis, ein Bewusstsein und eine Reflexion ihrer eigenen evangelischen Herkunft, Prägung und Orientierung, die sie nur auf der Grundlage einer bekenntnisgeprägten Entwicklung erwerben können, und die überhaupt erst Dialog und Konvivenz mit Menschen anderer Konfessionen und Religionen ermöglichen kann.

Evangelischer Religionsunterricht ist unersetzbar, aber offen für eine „Konfessionelle Kooperation“

Als ein altkirchlicher Bischof gefragt wird, wie man einem jungen Menschen am besten den christlichen Glauben erklären kann, antwortet er: “Nimm ihn in dein Haus auf und lass ihn ein Jahr lang bei dir wohnen“. (Cyprian von Karthago)

Das Paradigma der „Gastfreundschaft“ bietet einen geeigneten Ansatz, um Sinn und Zweck, sowie Verantwortung und Grenze eines evangelischen Religionsunterrichtes in konfessioneller Kooperation zu begründen und zu beschreiben.

In dem maßgeblichen Dokument der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelische Kirche in Deutschland: ´Zur Kooperation von Evangelischem und Katholischem Religionsunterricht´ (1998) betonen beide Kirchen, „dass konfessioneller Unterricht immer auch in ökumenischem Geist erteilt wird“.

Die Erklärung beschreibt mögliche und sinnvolle Formen der konfessionellen Zusammenarbeit in der schulischen Praxis:

Über diese Formen hinausgehende Möglichkeiten der Kooperation, wie zum Beispiel des evangelischen oder katholischen Religionsunterrichtes im Klassenverband bzw. in konfessionell gemischten Lerngruppen können sinnvoll und erstrebenswert sein, wenn organisatorische Gründe dies erforderlich machen, um die Abdeckung des Religionsunterrichtes in Mangelsituationen zu gewährleisten, oder wenn dies in besonderen schwierigen Situationen aus pädagogischen Gründen sinnvoll und geboten ist, z.B. in Förderschulen, Hauptschulklassen und Beruflichen Schulen.

Diese Formen der konfessionellen Kooperation, die stets befristet und fachlich begleitet werden sollten, bedürfen der Zustimmung beider Fachkonferenzen, der Schulleitungen und der jeweiligen Kirchlichen Aufsichtsbehörden für den Religionsunterricht (Kirchliches Schulamt der EKHN/Bischöfliches Ordinariat der Bistümer Mainz und Limburg). Sie können unter bestimmten Voraussetzungen für ein Schuljahr genehmigt werden (s. folgende Information zum Antrags- und Genehmigungsverfahren).

 

 

Evangelischer Religionsunterricht in konfessionell gemischten Lerngruppen     

1. Rechtliche Stellung des konfessionellen Religionsunterrichts

Laut Grundgesetz Artikel 7 Abs. 3 ist Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach, das in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt wird. Daraus leitet sich ab, dass der Unterricht an das jeweilige Bekenntnis gebunden ist. Reine Religionskunde oder „ökumenischer Religionsunterricht“ sind nicht vorgesehen. Der in Hessen geltende Erlass zum Religionsunterricht vom 1. Juli 1999 sieht jedoch „Regelungen von Ausnahmen bei der Bildung von Lerngruppen im evangelischen und katholischen Religionsunterricht“ (Ziffer VII des Erlasses) vor. Die Genehmigung solcher Ausnahmen setzt aber voraus, dass verschiedene Planungsgrundsätze im Vorfeld berücksichtigt wurden.

 

2. Planungsgrundsätze für den Religionsunterricht

1. Die Lehrkräfte mit der entsprechenden Unterrichtsbefähigung sind mit ihrem Stellenanteil so im Religionsunterricht einzusetzen, dass der Religionsunterricht entsprechend der Stundentafel ungekürzt angeboten werden kann (vgl. Erlass Ziffer IV 1.).

2. Religionsunterricht ist einzurichten, wenn mindestens acht Schülerinnen und Schüler teilnehmen und zu einer pädagogisch und schulorganisatorisch vertretbaren Lerngruppe zusammengefasst werden können. Dazu kann der Unterricht auch jahrgangs- und schulformübergreifend erteilt werden (vgl. Erlass Ziffer V 1.).

3. Wenn es schulorganisatorisch notwendig und verkehrsmäßig möglich ist, können auch Schülerinnen und Schüler benachbarter Schulen zu einer Lerngruppe zusammengefasst werden (vgl. Erlass Ziffer V 1.).

4. Es gelten auch für den Religionsunterricht die Richtlinien für die Festlegung der Anzahl und der Größe der Klassen (Gruppen, Kurse) in den jeweiligen Schulformen (vgl. Erlass Ziffer V 1.).

 

3. Ausnahmeregelungen zur Bildung konfessionell gemischten Lerngruppen

Trotz Umsetzung von Maßnahmen im Sinne der beschriebenen Planungsgrundsätze kann es zum Beispiel aus Mangel an Lehrkräften oder wegen schulorganisatorischer Schwierigkeiten vorkommen, dass der Religionsunterricht nicht vollständig abgedeckt werden kann. Dies kann sich beispielsweise auf einzelne Jahrgänge beziehen. Nur in diesen, konkret zu begründenden Fällen ist es möglich, dass Schülerinnen und Schüler am Religionsunterricht der jeweils anderen Konfession unter bestimmten Voraussetzungen teilnehmen (vgl. Erlass Ziffer VII 1.):

1. Die Schulleitung beantragt unter Angabe von Gründen die Zustimmung zur Erteilung von Religionsunterricht in einer konfessionell gemischten Lerngruppe. Der Antrag ist über das Staatliche Schulamt bei den zuständigen Behörden beider Kirchen zu stellen.

2. Dem Antrag sind beizufügen (1) schriftliche Stellungnahmen der beiden Fachkonferenzen Katholische und Evangelische Religion, soweit diese bestehen, und (2) das Einverständnis der betroffenen Religionslehrerinnen und Religionslehrer, an deren Unterricht künftig Schülerinnen und Schüler der jeweils anderen Konfession teilnehmen sollen bzw. können.

3. Nach Zustimmung der kirchlichen Behörden informiert die Schulleitung die Schülerinnen und Schüler, die am Religionsunterricht der anderen Konfession teilnehmen können, und deren Eltern.

4. Grundlage des Unterrichts ist der jeweilige Lehrplan der Konfession, der die Lehrkraft angehört. Konfessionelle Besonderheiten und Prägungen sollen bei der Auswahl der Unterrichtsinhalte allerdings mit dem Ziel des gegenseitigen Verstehens behandelt werden.

5. Ein Zwang zur Teilnahme am Religionsunterricht der anderen Konfession existiert nicht, Austrittserklärungen sind möglich. Es besteht dann allerdings die Pflicht zur Teilnahme am Ethikunterricht, sofern dieser angeboten wird.

6. Der Antrag zur Erteilung von Religionsunterricht in einer konfessionell gemischten Lerngruppe kann in der Regel für ein Schuljahr genehmigt werden. Sollte sich die Situation, die zur Genehmigung geführt hat, im Laufe des Genehmigungszeitraums nicht verbessert haben, kann die Schule den Antrag erneut stellen.

 

4. Antragsverfahren

In Absprache mit den Kirchen haben viele Staatliche Schulämter in Hessen das Antrags- und Genehmigungsverfahren für die Erteilung von Religionsunterricht in konfessionell gemischten Lerngruppen vereinheitlicht. Dabei wird ein Antragsformular eingesetzt, in dem einige schulische Eckdaten zum Religionsunterricht erhoben werden. So wird die Anzahl der katholischen und evangelischen Schülerinnen und Schüler in den einzelnen Jahrgangsstufen genauso abgefragt wie die Zahl der Schülerinnen und Schüler anderer oder ohne Religionszugehörigkeit. Weiterhin wird die Situation des Religionsunterrichts in den einzelnen Jahrgängen zum Zeitpunkt der Antragstellung erhoben (u. a. gesamte Anzahl der Klassen, Anzahl der Lerngruppen in katholischer und evangelischer Religion sowie in Ethik). Auch die Fachlehrkräfte an der Schule mit kirchlicher Beauftragung und die Ethiklehrkräfte, deren jeweiliger Stellenumfang und Einsatz im Religions- oder Ethikunterricht müssen aufgelistet werden.  All diese Informationen ermöglichen den Kirchen eine ausreichende Datengrundlage zur Entscheidung für oder gegen einen entsprechenden schulischen Antrag. Dabei sind sie um ein einheitliches Votum bemüht. Dies schließt aber gegensätzliche Voten nicht aus, die in der Konsequenz zur Ablehnung eines Antrags führen.

 

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